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Ein Abschied und ein Neubeginn. Abriss Teil I.

Ich hatte es ja im letzten Post schon angedeutet: Herr Kathrinville und ich haben uns vor einiger Zeit entschlossen, ein neues Haus zu bauen. Unser jetziges ist zwar auch sehr schön (und ich vermisse es jetzt schon ein bisschen, wenn ich daran denke, dass es bald jemand anderem gehört), aber aus beruflichen Gründen bot sich ein Ortswechsel an. Und so standen wir vor der entscheidenden Frage, die alle, die nicht mieten wollen, für sich beantworten müssen: Kaufen oder bauen? Grundsätzlich lieben wir beide Altbauten (natürlich nur die sanierten, nicht die zugigen und abgewrackten), also bot sich eigentlich ein „gebrauchtes“ Haus an. Aber nachdem wir den Immobilienmarkt ein wenig beobachtet hatten, kamen uns die angebotenen Häuser irgendwie alle überteuert vor. Und so richtig verliebt haben wir uns auch in keins. Und ich finde, bei einem Hauskauf muss es (ähnlich wie beim Brautkleidkauf 😉 ) einfach „klick“ machen. Es soll ja schließlich ein Haus „für immer“ sein (und außerdem ist das ja auch ein unvorstellbarer Haufen Geld, den man da ausgibt), also sollte einem das Haus vom Grundsatz her schon ziemlich gut gefallen. Kleinigkeiten kann man natürlich immer ändern, aber das Grobe muss schon passen. das war aber bei keinem Haus der Fall. Tja, und so bauen wir nun neu. Wir finden es gut – immerhin kann man alles von vornherein mitentscheiden und sich ganz genau so aussuchen, wie man es gerne hätte. Äääh, ich korrigiere: Kann man dann, wenn es ins Budget passt. Und damit wären wir beim Nachteil des Bauens: Seitdem wir wissen, wie unglaublich hoch die Baukosten geworden sind (seitdem Bauherren so günstige Zinsen bekommen…), kommen uns die damals angebotenen Altbauten dann doch nicht mehr so teuer vor. Aber sei’s drum. Jetzt sind wir mitten drin und auch zufrieden mit dieser Entscheidung.

Nun brauchten wir also ein passendes Grundstück. In der Stadtrandlage, die es für uns sein sollte, gibt es nur noch wenige Baulücken. Viele davon sind zur falschen Seite gelegen, haben die Sonne also auf der Hauseingangsseite und nicht auf der Rückseite, wo man ja im Normalfall die Terrasse plant. Ich wollte das Grundstück gerne möglichst groß; Herr Kathrinville dachte bereits mit Grauen an den dann zu pflegenden Garten. Möglichst leise sollte es sein, trotzdem natürlich nicht zu weit ab vom Schuss. Als wir drei Grundstücke im Visier hatten, die wir mal näher unter die Lupe nehmen wollten, machten meine Eltern uns plötzlich einen Vorschlag. Direkt neben ihrem eigenen Haus stand das ehemalige und mittlerweile ziemlich baufällige Haus meiner Großeltern, in dem nach deren Tod nun Mieter sowie meine Tante mit meinem Cousin lebten. Einzelheiten lasse ich mal weg – die Quintessenz: Wir konnten es erwerben und abreißen lassen, um an dieser Stelle neu zu bauen. Damit hätten wir zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht gerechnet und ich wusste auch erst nicht so recht, ob ich das überhaupt wollte. Auch für meine Mutter war es eine schwierige Vorstellung, mitzuerleben, wie ihr Elternhaus abgerissen würde. Ich glaube, das ist umso schwerer, wenn die Eltern nicht mehr da sind – dann geht auch das letzte große sichtbare Materielle. Und für meine Tante und deren Kinder war es natürlich noch viel viel schwerer. Letztlich hat meine Tante aber zusammen mit ihrem Sohn nun eine neue, moderne und bessere Wohnung gefunden und wir haben uns tatsächlich dazu entschieden, das alte Haus abreißen zu lassen. Echt erstaunlich bei mir, die ich mich unglaublich schwer trennen kann – ob von Dingen, Menschen, Orten oder Situationen. Aber das alte Haus war ein Fass ohne Boden. Als dort vor über 20 Jahren ein Wintergarten angebaut wurde, wurde wohl versehentlich eine wasserführende Schicht angebohrt und seitdem gab es dort ein riesiges Wasserproblem. Trotz nachträglich gelegter Drainage und allem Drum und Dran gab es bei starkem Regen Tage, an denen das Wasser ungelogen einfach so durch die Kellerwand floss wie aus einem Wasserhahn. Und im Laufe der Jahre geht das an die Substanz. Auf deutsch gesagt: Irgendwann gammelt einem das Haus einfach so unter dem Hintern weg. Dazu kamen diverse anstehende Reparaturen, eine irgendwann zu ersetzende Heizung, ein irgendwann zu erneuerndes Dach und so weiter und so fort. Deshalb entschieden wir uns (ich schweren Herzens) für den Abriss.

So sah das Haus im letzten Jahr noch aus. Man sieht schon ein wenig, dass es nicht mehr das allerneueste ist, aber dadurch, dass es noch bewohnt war, geht es rein optisch noch, finde ich. Und was man natürlich auch nicht sieht, ist die marode Substanz.

Von der Seite:

altes_Haus_2013

Von vorne:

Vorderansicht_altes_Haus

 

Letzte Woche Donnerstag war es dann soweit: Der Bagger rollte an. Meine Eltern waren – zum Glück für meine Mutter und zum Unglück für meine Vater, der den Abriss gerne gesehen hätte – im Urlaub, hatten uns aber ihr Haus zum Gucken zur Verfügung gestellt. Und so stand ich morgens um zehn vor sieben aufgeregt und mit gemischten Gefühlen mit sämtlichen verfügbaren „Aufnahmegeräten“ (Fotokamera, Videokamera und Handy) im Anschlag im Garten und machte noch ein paar letzte Aufnahmen vom alten Haus:

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Dann ging ich noch mal durch alle Räume, um mich ein letztes Mal vom Haus zu verabschieden. Das hört sich vielleicht etwas albern und sentimental an, aber irgendwie hatte ich das Bedürfnis danach. Dieses Haus wurde Ende der 20er Jahre von meinen Urgroßeltern gebaut; sie und ein Onkel meiner Mutter haben dort bis an ihr Lebensende gewohnt, ebenso wie meine Großeltern. Meine Mutter und ihre beiden Geschwister wurden dort geboren und sind dort aufgewachsen, meine Großeltern sind beide in diesem Haus gestorben, meine Tante hat dort mit ihrer Familie gelebt. Fast meine ganze Kindheit und Jugend lang habe ich neben diesem Haus gewohnt – das vierte Foto (und im so ähnlich auch das erste Foto) ist der Blick aus meinem alten Kinderzimmer. Ich kann mich an unzählige Momente dort bei meinen Großeltern erinnern. Fast alle meine Erinnerungen an meine Großeltern sind auch irgendwie mit ihrem Haus verknüpft. Ich musste daran denken, wie viel Arbeit mein Opa und in den letzten Jahren auch mein Vater in dieses Haus gesteckt haben (und von meinem Uropa nehme ich es einfach mal ebenfalls an) und ich fühlte mich ganz komisch, das jetzt abreißen zu lassen. Ein so altes Haus mit all dem, was darin passiert ist. Aber auf der anderen Seite war es eben einfach auch ziemlich kaputt und es ist doch auch ein wunderschöner Gedanke, dass dort jetzt etwas Neues entsteht und dass ein jüngerer Teil derselben Familie an derselben Stelle weiterlebt.

Ein bisschen komisch wurde mir ganz zum Schluss, als ich die Haustür schloss und den noch dort befindlichen Segen der Sternsinger aus dem Jahr 2013 sah. Immerhin heißt das ja übersetzt „Gott schütze dieses Haus“. Darf man das dann abreißen?

Segen der Sternsinger an der Eingangstür

 

Zu spät. Ich hörte schon den Bagger den kleinen Weg zu unserem Grundstück hochfahren.

Das war ein Spektakel: Dieser riesige Bagger auf dem schmalen Weg. Ich dachte, der passt da NIE durch und sah im Geiste schon die Vorgärten der Nachbarn zerstört und das Nachbarschaftsverhältnis auf ewig im Eimer. Kurz überlegte ich, ob die Bauversicherung, die wir gerade abgeschlossen hatten, wohl schon wirksam war (war sie, aber sie deckt den Abriss nicht mit ab).

Bagger auf schmalem Weg

 

Aber – oh Wunder – es klappte ohne Schäden.

Um den Asphalt nicht zu beschädigen, wurde der Bagger von mehreren Männern begleitet, die alte Autoreifen vor die Ketten des Baggers zu legten, sie hinterher wieder aufhoben und sie dann wieder nach vorne trugen. Sowas habe ich noch nie gesehen. Aber sehr clever. Und eindrucksvoll. Die ganze Nachbarschaft beobachtete die Einfahrt des Riesen.

Bagger

 

Nachdem die Männer vom Abrissunternehmen kurz vor Ort die Lage gecheckt hatten und noch einmal gemeinsam mit mir im Haus waren (mein allerletzter Besuch im Haus war daher nicht so sentimental – der Baggerführer: „Sie können ruhig abschließen. Ich mache die Tür schon wieder auf.“), ging es auch schon los. Da wurde nicht lange gefackelt. Ich war nur eine Viertelstunde weg, um mich um die Kinder zu kümmern, und zack, schon war das Dach der alten Scheune (alias Garage) fast weg.

Abriss Scheune

Das ging übrigens sehr filigran vonstatten: Ich hatte ja rohe Gewalt erwartet, aber der Baggerführer nahm die Dachbalken einzeln wie mit einer Pinzette heraus und sortierte direkt Holz zu Holz, später dann Metall zu Metall, Dämmwolle zu Dämmwolle und so weiter.

Brutal war es natürlich trotzdem; immerhin wurde da ein Gebäude komplett abgerissen. Und es dauerte vielleicht eine Dreiviertelstunde, dann war die Scheune Geschichte.

Abriss

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Nachdem die Scheune so ziemlich weg war, musste ich wieder für etwa eine Viertelstunde verschwinden, und als ich wiederkam, bot sich mir dieses Bild:

Abriss Haus

Das ging ja Schlag auf Schlag!

Ich ärgerte mich etwas, weil ich den ersten Hieb auf das Haus doch so gerne gesehen hätte, aber nun war es zu spät.

Abriss Haus

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IMG_6424Von der Seite sieht das Dach bislang nur ein bisschen angeknabbert aus…

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Aber dann zog der Bagger einen Stützbalken heraus… und… broooooochhhhhh:

Abbruch Haus

Das war jetzt auch von dieser Seite mehr als nur ein bisschen angeknabbert:

Abbruch Haus

Nun ging es richtig an’s Eingemachte. Dass die Scheune abgerissen wurde, war ja noch okay (auch wenn ich selbst mit dieser Scheune noch ein paar lustige Geschichten verknüpfe). Aber diese große Baggerkralle, die die einzelnen Zimmer zerstörte, war irgendwie doch noch was anderes. Das ist ein ziemlich seltsames Gefühl, wenn man eine Pranke die Badezimmerwand durchbrechen sieht und man plötzlich von der Wiese aus direkt auf die Wandfliesen blicken kann (die ich übrigens sehr retromäßig stylisch finde). Und im nächsten Moment nimmer der Bagger dann den kompletten Fliesenspiegel, bricht ihn mitsamt Wand aus dem Gebäude und wirft ihn auf den Schutthaufen. Ein Häufchen Elend.

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Abriss, schwarzer Fliesenspiegel

Abriss, schwarzer Fliesenspiegel

Abriss, schwarzer Fliesenspiegel

Und die Badezimmertür gleich hinterher.

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Ich habe so oft auf den Auslöser gedrückt, wie meine Kamera es erlaubt hat. Aus manchen Bildfolgen könnte man glatt ein Daumenkino machen. Aber ich bin froh drüber – schließlich ist das ja tatsächlich etwas Unwiederbringliches und Unwiederholbares.

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Abriss

 

Und die letzte Außenwand des Anbaus muss gehen:

Abriss

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Was mich ein wenig angerührt hat, ist die mit der verrückten Tapete verzierte Wand, die auch auf dem nächsten Bild gut zu sehen ist. Sie befand sich in einem Einbauschrank im Eingangsbereich, in dem neben dem Sicherungskasten vor allem Besen und dergleichen untergebracht waren. Bevor meine Großeltern in den 80ern neue Fliesen bekamen, standen dort nach meiner Erinnerung auch die Bohnerutensilien meiner Oma. Von gebohnerten Böden war ich als Kind total fasziniert… Da man das Schrankinnere im Normalfall nicht sah, hatte hier drinnen wohl seit den 60er oder 70er Jahren niemand neu tapeziert. Beim Abriss war der Wandschrank schnell weg, aber die tapezierte Wand dahinter sah man noch sehr lange. Bei ihrem Anblick musste ich die ganze Zeit an Fotos meiner Oma aus den 70ern denken…

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Von der anderen Seite passierte nun Folgendes (ich wollte unbedingt festhalten, wie die Wand aus Glasbausteinen links neben der Tür hinter dem Holzding fällt, aber ich glaube, das habe ich gefilmt und nicht fotografiert. Es ging jedenfalls unglaublich schnell und plötzlich lagen die Glasbausteine einfach so rum):

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Sieht das nicht aus, als würde ein Riesenroboter ein Stückchen aus dem Haus rausbeißen?

Abriss

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Und da war’s an diesem ersten Tag. Um kurz nach 16 Uhr war der komplette Anbau des Hauses weg.

Herr Kathrinville ärgerte sich ein wenig, als er eine Stunde später von der Arbeit kam, dass er alles verpasst hatte. Aber am nächsten Tag hatte er glücklicherweise frei und konnte den ganzen Tag lang gucken.

Aber davon ein schreibe ich im nächsten Post – diesen monsterlangen Post schicke ich jetzt erst mal ab.

 

Staubige Grüße von der Baustelle,

Kathrin